Die Vorlesung - eine überholte Lehrform aus dem Mittelalter?
  • Zwecks Lernmittelbeschaffung bin ich neulich über folgendes Statement gestoßen:

    ''Die Vorlesung ist eigentlich eine überholte Lehrform aus dem Mittelalters, als mitschreiben notwendig war, weil es sonst keine Lernmaterialien gab.''


    Dieser Kommentar ließ mich verstört zurück. Während also die Kindergärten, Schulen, Berufsbildene Schulden, Ausbildungsstätten, Handwerkskammern, etc. alle die Jahre hinweg einem stetischen Wandel unterlaufen sind, ist es ausgerechnet die Universität, die Heimstätte der Akademiker (dem angeblich gebildestem Teil der Bevölkerung), der lehrtechnisch den Fortschritt komplett verschlafen und im Mittelalter stehen geblieben ist?

    Ist es nach 500 Jahen nicht auch in diesem Bildungssektor Zeit für einen Wandel? Ist es wirklich sinnvoll, den Stoff durch Vorlesungen zu erlernen, in dem eine einzige Person ununterbrochen redet und neunzigminütige Vorträge hält, in der den Studenten eigentlich nur gesagt wird, wo was genau zu Lernen ist?

    Bringt's wirklich dafür teures Geld einem Professor zu bezahlen, der die Folien 'vorliest' und bei Unklarheiten auf die Übungen, Mentorien, die Videoaufzeichnung und das selbstständige Nacharbeiten verweist? Wäre es nicht sinnvoller, stattdessen das Angebot an Übungen und Mentorien zu intensivieren und den Stoff durch mehrere Sitzungen in Übungsgruppen bei wissenschaftlichen Mitarbeitern zu erlernen, statt sich 4 Stunden in der Woche in eine Lesung zu setzten in der man am Ende wenig, bis gar nichts, mitnimmt.

    Ich möchte nicht sagen, dass alle Vorlesungen per se nutzlos sind, aber die Alternative wäre eher mehr Übungenstunden in der Woche und dann gegebenfalls alle paar Woche eine Fragerunde mit dem Prof. Dort könnte auf komplizierte Stellen im Skript eingegangen werden.

    Vieles kann im intensiven Dialog einer Übungsgruppe viel besser aufgeklärt werden als in einer Vorlesung, in der auch Fragen nur bis zu einem gewissen Maß gern gesehen sind und wo viele Studenten Schiss haben zu fragen, bzw. erst selber noch mal drüber nachdenken wollen.

    Ich jedenfalls finde es schade, dass an einer Universität, einem Ort des Fortschritts und der geistigen Entfaltung sämtliche Lehrreformen in anderen Bildungssektoren verschlafen werden und noch auf derart altertümliche Methoden beharrt wird.


  • Hallo michiihu,

    interessanter Beitrag. Wo bist du auf das Zitat gestoßen? Ich konnte es nicht finden.

    Ich denke schon, das seitens der Professoren versucht wird, neunzigminütige Vorträge auf ein Minimum zu beschränken, und Diskussionen mit den Studenten anzuregen (bei einigen zumindest).

    Ich denke das Problem liegt eher bei uns Studenten. Wie viele melden sich in einem Hörsaal, wenn der Prof eine Frage in den Raum wirft? Einfaches Beispiel letztes Semester in PACC: Dr. Dietz und auch ihre Vertretung haben jede Woche mehrmals in der Vorlesung versucht, uns einzubinden (obwohl PACC eher trockene Materie ist). Es meldet sich einfach fast keiner.

    Sei es aus Desinteresse, oder als Angst als Versager abgestempelt zu werden bei falschen Antworten. Hier wäre es wünschenswert, wenn wir alle ein bisschen mutiger werden würden und uns auch aktiver einbringen in die Vorlesung. Denke das käme auch den Profs entgegen.

    Den Vorschlag mit der Fragerunde mit dem Prof. finde ich gut. Sowas ähnliches gab es ja in der BMIK mit "BMIK Spezial". Wobei man fairerweise auch sagen muss, dass in der Sprechstunde auch schwierige Sachen erklärt werden, man muss nur hin.

    Mehr Übungsstunden fände ich allerdings weniger sinnvoll. Wir sind nun mal an einer Universität, wo im Vordergrund steht, erst einmal das theoretische Wissen zu vermitteln. Das Üben dieses Wissens ist auch wichtig, aber eher zweitrangig.

    Zumal: Wenn wir uns an OMAT zurückerinnern, war jeder Vorlesung quasi eine Übungsstunde (zumindest bei Blonski), da wurde ja jeder Vorlesung vorgerechnet und erklärt. Aber sehe da in der Klausur dann trotzdem keinen Mehrwert gegenüber anderen Klausuren.
  • YoungAnalyst schrieb:

    Wenn wir uns an OMAT zurückerinnern, war jeder Vorlesung quasi eine Übungsstunde (zumindest bei Blonski), da wurde ja jeder Vorlesung vorgerechnet und erklärt. Aber sehe da in der Klausur dann trotzdem keinen Mehrwert gegenüber anderen Klausuren.

    Eine Übung besteht aber nicht aus vorrechnen und erklären. Zumindest sollte sie das nicht. Dann eher so was wie die Übungen, wo man Fragen zu den Aufgaben stellen und sich, die Lösungen selbst erarbeiten sollte.

    An einigen Studiengängen ist dieses Format übrigens schon in ähnlicher Weise etabliert. Beispiel: Sprach- und Gesellschaftswissenschaften*: 4 - 6 Stunden die Woche Diskussionsrunden in Seminaren, Präpadeutika, Klein-Tutorien und dann halt zusätzlich 2 Stunden Vorlesung, um halt zu sehen, wo der rote Faden liegt.

    Ich werde auch nie verstehen, warum wir bis zu 6 Stunden Vorlesung in Makro haben, aber Mentorien nur alle 2 Wochen, und dort wird eh nur ein, für die Zeit viel zu volles, Blatt schnell runtergerechnet. Umgekehrt wär es sinnvoller.

    Klar, wir sind hier an der Uni, nicht an der Schule, klar Selbstständiges Arbeiten wird gefördert, und klar, der Prof. kann einem nicht alles vorkauen und klar, man muss auch mal selbst Recherchen und sich Wissen aneignen, welches nicht in der Vorlesung behandelt wurde....aber für was brauche ich dann noch die Vorlesung? Zumal die meisten eh gefilmt werden und seit Jahren diesselben sind. Da hätte ich mehr davon, wenn sich die Studenten mit den Übungsleitern und Wissenschaftlichen Mitarbeitern an zwei Terminen in der Woche in Übungsgruppen treffen, dort den Stoff diskutieren, Unklarheiten beseitigen, Lernfortschritte erkennen usw, als wenn irgendein Prof 90 Minuten gegen eine Wand an Studenten redet. Aber vielleicht hapert's auch an Geld, Zeit und Lust.

    *Die Tatsache, dass WiWi streng genommen auch eine Gesellschaftswissenschaft ist, ignorie ich jetzt mal, bevor sich Trollfing wieder errigiert.
  • michiihu schrieb:

    Eine Übung besteht aber nicht aus vorrechnen und erklären. Zumindest sollte sie das nicht. Dann eher so was wie die Übungen, wo man Fragen zu den Aufgaben stellen und sich, die Lösungen selbst erarbeiten sollte.


    Da stellt sich aber hier auch die Frage, wer entscheidet, aus was eine Übung besteht? Der Prof? Die Studenten? Der Dekan? Wo ist es einheitlich geregelt?

    michiihu schrieb:

    An einigen Studiengängen ist dieses Format übrigens schon in ähnlicher Weise etabliert. Beispiel: Sprach- und Gesellschaftswissenschaften*: 4 - 6 Stunden die Woche Diskussionsrunden in Seminaren, Präpadeutika, Klein-Tutorien und dann halt zusätzlich 2 Stunden Vorlesung, um halt zu sehen, wo der rote Faden liegt.


    Das ist ein Punkt, den man deutlich ansprechen muss: Nicht jeder Studiengang ist wie unserer! Bei Bekannten aus anderen Studiengängen sind die Veranstaltungen komplett anders organisiert. Wohl noch so, wie "studieren" wirklich vorgesehen war, und nicht in stumpfen Bulimie-Lernen. Ich fürchte jedoch, dass dies ein Phänomen der Massenuni ist, wenn man bedenkt wie viele wir wirklich sind. Selbst ab dem 5. Semester wird es nur geringfügig besser.
    Schaut man sich jedoch Business Schools an, und wie dort gelehrt wird, findet man schon einen Unterschied. Ich rede hier nicht vom akademischen Anspruch, wo es natürlich Differenzen gibt, sondern viel mehr von der Lehrweise der Dozenten.

    michiihu schrieb:

    Ich werde auch nie verstehen, warum wir bis zu 6 Stunden Vorlesung in Makro haben, aber Mentorien nur alle 2 Wochen, und dort wird eh nur ein, für die Zeit viel zu volles, Blatt schnell runtergerechnet. Umgekehrt wär es sinnvoller.


    Bin ich voll bei dir. In BMAK wären die Studenten besser dran, wenn man die Mentorien wöchentlich ab halten würde. Generell könnte man sich eine Scheibe von der BMIK abschneiden, was das zur Verfügung Stellen von Altklausuren und Übungsmaterial angeht. Aber diese Differenzen sind bekanntlich nichts neues, die gibt es ja auch innerhalb eines Moduls zwischen zwei Semestern.

    michiihu schrieb:

    Klar, wir sind hier an der Uni, nicht an der Schule, klar Selbstständiges Arbeiten wird gefördert, und klar, der Prof. kann einem nicht alles vorkauen und klar, man muss auch mal selbst Recherchen und sich Wissen aneignen, welches nicht in der Vorlesung behandelt wurde....aber für was brauche ich dann noch die Vorlesung?


    Ganz einfach: Damit du im Stoff bist und nachher weniger Druck hast beim Lernen. Ich persönlich bereite JEDE Vorlesung vor, und auch nach. Das muss nicht mal viel Arbeit sein. Vorher lese ich die Slides quer, markiere mir unklare Stellen, damit ich nachfragen kann gezielt. Die Vorlesung verfolge ich dann aus anderem Blickwinkel, weil ich zum Großteil weiß was er sagt, und es repetitiv ist. Ich kläre meine Fragen, und am Ende bereite ich es noch einmal nach. Probier es mal aus - das erspart eine Menge Zeit und Arbeit in der Klausurenphase.
    Ausnahmen bestätigen aber natürlich die Regel. (Think of BMGT, BACC).

    michiihu schrieb:

    Da hätte ich mehr davon, wenn sich die Studenten mit den Übungsleitern und Wissenschaftlichen Mitarbeitern an zwei Terminen in der Woche in Übungsgruppen treffen, dort den Stoff diskutieren, Unklarheiten beseitigen, Lernfortschritte erkennen usw, als wenn irgendein Prof 90 Minuten gegen eine Wand an Studenten redet.


    Das was du ansprichst, ist genau das was ich zuvor mit der Sprechstunde meinte. In den Sprechstunden kann man mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern super den Stoff diskutieren, Unklarheiten beseitigen und Lernfortschritte erkennen. Ich nutze dieses Angebot seitens der Lehrstühle fast wöchentlich. Aber dafür sind die meisten auch zu faul. Nur darf man sich dann eben nicht beschweren, wenn die Resultate nicht stimmen.

    Ich würde übrigens immer noch gerne wissen, wo du das Zitat her hast. Wäre nett wenn du das teilst, sofern es nicht ausgedacht war. Ist sicherlich ein interessanter Beitrag zum nachlesen. Danke!

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